Empfehlungen von Heike Schneidereit-Mauth zum Umgang mit Ängsten in schweren Zeiten.

Düsseldorf (evdus). „Der Krieg in der Ukraine erschüttert und schürt massive Ängste. Es passiert etwas, das wir nicht beeinflussen können. Dabei reaktivieren die Bilder und Nachrichten aus der Ukraine alte Traumata“, weiß die evangelische Pfarrerin Heike Schneidereit-Mauth. In der Leitung des Evangelischen Kirchenkreises Düsseldorf ist sie zuständig für das Handlungsfeld Seelsorge.

„Eine Rentnerin berichtete mir, dass sie in Schockstarre verfallen sei, wie damals im Krieg, als sie ein kleines Mädchen war und im Fernsehen die Bilder gesehen und den Fliegeralarm gehört hatte. Aber auch junge Menschen spüren diese Angst. Die Nachfolgegeneration ist durch die Traumata der Eltern und Großeltern geprägt. Die allgegenwärtigen Nachrichten aktualisieren alte Traumata, und dabei sind die vielen Bilder besonders wirkmächtig,“ so Schneidereit-Mauth. Von Bildern und Videos sei es deutlich schwieriger, sich zu distanzieren, als vom geschriebenen Wort. „Unser Körper reagiert auf die Bilderflut, als seien wir mittendrin in der Katastrophe“, fügt die Seelsorgerin hinzu.

Sechs Empfehlungen zum Umgang mit Ängsten in schwierigen Zeiten hat Heike Schneidereit-Mauth zusammengestellt:

1. Ängste dürfen sein

Viele Menschen neigen in der Krise dazu, unangenehme Gefühle einfach beiseitezuschieben. Das kostet viel Kraft. Das aufrichtige Wahrnehmen der eigenen Gefühle hilft, rechtzeitig Gegenmaßnahmen zu ergreifen. Nur wenn ich spüren darf, dass mich eine Situation überfordert, denke ich auch über Veränderung nach.

 2. Informationsflut beschränken

Wer auf Social Media unterwegs ist, wird geradezu von Informationen, Bildern und Analysen erschlagen. Daher ist es sinnvoll, die Informationskanäle zu beschränken und sich nur zu festgelegten Zeiten zu informieren.

3. Realitätscheck

Menschen in der Krise neigen dazu, die Dinge entweder klein zu reden oder besonders groß zu machen. Aber weder Bagatellisieren noch Dramatisieren sind hilfreiche Strategien. Es braucht manchmal schlicht den Realitätscheck, also die Kontrollfrage: Wo bin ich heute, hier und jetzt konkret bedroht?

4. Perspektivenwechsel 

Jede Lebensgeschichte enthält dunkle und helle Seiten. Wenn wir nur unsere schlechten Erfahrungen und die unheilvollen Nachrichten fokussieren, sind wir auch gefühlsmäßig vor allem mit dem Unglück beschäftigt. Nehmen wir dagegen auch das Leichte, Schöne, Helle und Humorvolle unseres Lebens in den Blick, wird unser Herz weit und unser seelisches Immunsystem gestärkt. Wichtig ist, gute Gegenbilder zu kreieren. Wer sich vielen Kriegsbildern aussetzt, sollte sich daran erinnern, was trotz der Krise sicher und gut ist, was Halt gibt und Freude bereitet.

5. Nicht allein zu sein, macht das Schwere tragbar

Wer liebe Menschen an seiner Seite weiß, kommt relativ unbeschadet durch schwere Krisen. Gerade in Zeiten der Angst ist es gut, Befürchtungen und Hoffnungen miteinander zu teilen. Pflegen Sie Ihr soziales Netzwerk, denn es ist eine wichtige Kraftquelle. Kontaktieren Sie Gesprächspersonen.

Melden Sie sich, wenn Sie gerade Unterstützung brauchen, zum Beispiel über das Seelsorge-Telefon für Düsseldorf: Unter der Telefonnummer 0211/9 57 57 57 57 (täglich 10 – 16 Uhr), wird Kontakt zu Seelsorger:innen in Ihrer Nähe vermittelt. Die Telefonseelsorge hat rund um die Uhr ein offenes Ohr für Ihre Anliegen. Sie ist anonym erreichbar unter 0800/1110111 und 0800/1110222.

 6. Not lehrt beten

Mir selbst und natürlich auch vielen anderen ist das Gebet eine wichtige Hilfe. Gerade wenn ich mich ohnmächtig fühle, wenn ich Gott und die Welt nicht verstehe, ist es gut für mich meine Klage, meine Sorge, meine Angst vor Gott zu bringen. Manchmal bin ich so erschüttert, dass ich keine eigenen Worte finde. Dann greife ich auf die Psalmen zurück. Die alten Texte, schon oft von vielen Menschen in unterschiedliche Situationen gesprochen, helfen mir, weil sie vor verdichteter Lebens- und Glaubenserfahrung nur so strotzen.

Für weitere Informationen über die evangelische Seelsorge in Düsseldorf: www.seelsorge.evdus.de.

2022-11-16T11:20:42+01:0011. März 2022|