„Stabilität ist das Wichtigste“

In der vergangenen Woche hat der Unterricht nach den Osterferien wieder begonnen. Einige Kinder sitzen neu in den Klassen, weil sie in den vergangenen Wochen aus der Ukraine geflohen sind. Stephanie Bongartz ist Sachgebietsleiterin der Schulsozialarbeit bei der Diakonie Düsseldorf und Traumapädagogin. Sie berichtet, was die Kinder und Jugendlichen jetzt brauchen und wie die Schulsozialarbeit die Lehrer:innen dabei unterstützt.

Frau Bongartz, mehr als 60.000 Kinder und Jugendliche aus der Ukraine sind bereits an deutschen Schulen aufgenommen. Das ist auch in Düsseldorf spürbar, oder?

Bongartz: Ja, natürlich, allerdings sind die Zahlen je nach Schule sehr unterschiedlich. An einer Grundschule im Düsseldorfer Norden – nahe der Messe – waren es schon vor den Osterferien 23 Kinder, an anderen Standorten noch kein einziges. Aber wir rechnen auch weiterhin mit Kindern, die neu dazukommen, es fliehen ja immer noch Menschen, und auch wenn die Kinder schnell in die Schule kommen, wenn sie hier sind: Einige Tage bis Wochen dauert es dann doch.

Es ist oft die Rede, dass viele der geflüchteten Menschen durch die Kriegserlebnisse traumatisiert sind. Ist das auch bei den Kindern zu merken?

Bongartz: Auch das ist sehr unterschiedlich: Manche sind schon kurz vor dem Beginn des Krieges oder in den ersten Kriegstagen geflohen. Das heißt aber nicht, dass sie nicht traumatisiert sind. Heimatverlust ist an sich schon ein traumatisches Erlebnis. Aber die Kinder, die im weiteren Verlauf mit einem Rucksack auf dem Rücken um ihr Leben gelaufen sind, haben dann noch einmal andere Erlebnisse zu verarbeiten. Und für alle gilt: Etwas Traumatisches erlebt zu haben, bedeutet nicht, dass alle dauerhaft darunter leiden. Manche sind resilienter, die kommen besser damit klar, andere schlechter. Man muss immer auf den einzelnen Menschen schauen. Wenn Kinder sehr zurückgezogen und unkonzentriert sind oder im Gegenteil über längere Zeit extrem ausgelassen, dann schauen wir etwas genauer hin. Dann gibt es auch weiterführende Hilfen, etwa über das psychosoziale Zentrum für Geflüchtete hier in Düsseldorf. Aber es gibt auch viele Kinder, denen sieht man nichts an. Und ohnehin haben die Schulen eine noch viel wichtigere Funktion.

Welche denn?

Stabilität zu bieten. Das ist der erste Schritt auch für traumatisierte Kinder. Wir unterstützen dabei, dass die Kinder und ihre Familien Wohnraum finden, die passende Kleidung, Essen und Hygieneartikel haben, dass sie einen festen Rahmen durch Schule und Betreuung bekommen, Freizeitbeschäftigungen finden etc. Und dabei können wir zum Beispiel auch aus Spendenmitteln unkompliziert helfen, Schulmaterial oder Sportkleidung kaufen beispielsweise. Wenn wir es schaffen, in diesen Dingen Sorgen zu nehmen, macht das die Kinder und Familien auch in allem anderen stabiler.

Und warum die Kinder und Jugendlichen geflüchtet sind, klammert man erst einmal komplett aus?

Natürlich hören wir auch zu, wenn sie davon berichten wollen. Manchen tut das gut. Man sollte aber auf keinen Fall Kinder ausfragen, die das nicht von selbst thematisieren. Es ist aber natürlich auch ein Thema bei den anderen Kindern, da kommt man gar nicht drumherum, über den Krieg zu reden. Dann braucht es viel Fingerspitzengefühl. Dazu gehört auch, den Krieg beispielsweise nicht zu bagatellisieren, aber die Kinder auch nicht mit Kriegserlebnissen zu überfrachten. Aber da können viele Kolleg:innen auch auf gute Erfahrungen zurückgreifen, die ukrainischen Kinder sind ja nicht die ersten geflüchteten Kinder an den Schulen. Auch  syrische oder afghanische Kinder haben meistens traumatische Erfahrungen gemacht, auch auf der Flucht selbst und nicht nur im Heimatland.

Gibt es denn da auch Unterschiede?

In unserer Haltung nicht, wir sind für jedes Kind da, schauen hin, was es braucht und wie wir dabei unterstützen können. Aber natürlich gibt es Besonderheiten, die wir mit in Betracht ziehen müssen. Eine wichtige ist: Wir wissen gar nicht, wie lange die Kinder hier sein werden. Viele Familien haben die Hoffnung, bald wieder nach Hause zu können. Manche Kinder haben sogar am Rechner weiter digitalen Unterricht mit ihren Lehrer:innen in der Ukraine. Deswegen finden wir es beispielweise wichtig, dass an den Schulen auch ukrainisch-sprachiger Unterricht angeboten wird. Wir wollen ja, dass die Kinder bestmöglich auf die Zukunft vorbereitet werden – und für viele wird die womöglich wieder in der Ukraine sein.

Warum sind Sie für Notdienste eingesprungen?

Stefan Pischke: Für mich war die Hürde niedrig. Ich habe früher, im Rahmen einer Einzelfallhilfe, mal einen Jugendlichen aus einer Wohngruppe begleitet. Der Dienst jetzt war für mich eine Chance, nochmal intensiver in den Alltag und Kontext von Wohngruppen sowie Kindern und Jugendlichen einzutauchen.

Aijana Bruch: Ich bin erst seit November letzten Jahres bei der Diakonie und in meiner Arbeit als Personalentwicklerin auch zuständig für das Personal in den Wohngruppen. Der Einsatz hat mir ermöglicht, in Richtung der Mitarbeitenden dort zu zeigen: Ich sehe Euch und was Ihr leistet! Kurz zuvor hatte ich in der Wohngruppe, in der ich dann eingesetzt wurde, hospitiert. Ich kannte das Team. So war es für mich selbstverständlich, hier nach meinen Möglichkeiten zu helfen.

Was waren für die größten Herausforderungen dabei?

Aijana Bruch: Die Situation war etwas besonders für mich, denn ich kam in eine Wohngruppe von sieben Jugendlichen. Ich verbrachte mit ihnen den Abend und die Nacht, und in der Zeit war ich alleine die Ansprechperson für sie. Ich wusste nicht, wie sie reagieren würden. Am Ende haben sie mir einen riesigen Vertrauensvorschuss gegeben.

Stefan Pischke: Ich musste erstmal herausfinden, wie die Abläufe usw. geregelt sind. Ich habe dazu die Kompetenz der Gruppe genutzt – in der Hoffnung, dass irgendjemand dabei ist, der mir ehrlich sagt, wie etwas im Alltag sonst geregelt ist. Das hat sehr gut geklappt und in meiner Wahrnehmung auch dazu geführt, dass sich die Jugendlichen zusätzlich wertgeschätzt fühlten.

Welche neuen Erfahrungen waren damit verbunden?

Stefan Pischke: Ich bin kein Vater. Der Kontakt mit den Kindern und Jugendlichen eröffnete mir einen neuen Einblick in ihre Lebenswirklichkeit. Was für Computerspiele spielen sie? Was für Bücher lesen sie? Was machen sie mit ihren Apps auf dem Smartphone? Ich habe bei mir in der Beratung oft Eltern, die nicht wissen, mit was sich ihre Kinder beschäftigen. In der Wohngruppe habe ich erlebt und erfragt, was sie machen, was das für sie bedeutet, was ihnen dabei begegnet und wie sie damit umgehen. Das ist ein riesiger Schatz für mich, auch in meinen Arbeitsalltag.

Aijana Bruch: Es ist für mich ein schönes Gefühl zu wissen, dass ich dazu beigetragen habe, dass die Jugendlichen ihr sicheres Lebensumfeld weiter behalten können. Man darf nicht vergessen, diese Kinder und Jugendlichen haben alle eine Vorgeschichte, die oft mit Beziehungsabbrüchen zu tun hat.

Würden Sie die gleiche Entscheidung wieder treffen und Kolleg:innen dazu raten?

Aijana Bruch: Ich würde das mir selbst jeder Zeit wieder ermöglichen wollen. Und ich würde jedem raten es zu machen, wenn die Umstände es zulassen. Es ist eine wunderschöne Erfahrung und man leistet einen wichtigen Beitrag für die Kinder und Jugendlichen.

Stefan Pischke: Ich kann es anderen nur empfehlen. Für mich war und ist es eine bereichernde Erfahrung. Ich fand es auch toll zu erleben, dass sich auf den Solidaritätsaufruf mehrere Kolleg*innen gemeldet haben. Da habe ich erlebt, dass Diakonie eben auch abteilungs- oder teamübergreifend unterstützt.

2022-05-03T15:02:53+02:003. Mai 2022|