Neuland betreten

Altstadt (evdus). Altstadt (evdus). Nach 27 Jahren Pfarrdienst im evangelischen Düsseldorf, davon 20 Jahre in der Johannes-Kirchengemeinde und die letzten sieben Jahre in der neuen, aus Zions,- und Kreuz-Kirchengemeinde fusionierten Gemeinde Düsseldorf-Mitte, ist Pfarrer Dirk Holthaus in den Ruhestand gegangen. Der Abschiedsgottesdienst fand am Sonntag, 23. Oktober, an seinem 63. Geburtstag, in der Neanderkirche mitten in der Altstadt, Bolkerstraße 36, statt.

Zu Beginn seiner Zeit als Gemeindepfarrer im Jahr 1995 gehörte zu seinem Pfarrbezirk der Bereich rund um das Gemeindezentrum an der Schützenstraße in der Nähe der Bordell-Hotels, 1-Euro-Läden und des Düsseldorfer Hauptbahnhofs. „Ein Stück Brennpunktarbeit, das fand ich gut“, sagt Holthaus.

Für ihn ist Glaubwürdigkeit in seinen Beruf eine wichtige Tugend, um gerade kirchenferne Menschen zu erreichen. „Sein Ding“ waren vor allem Familiengottesdienste, Kinder- und Jugendarbeit und Familienfreizeiten. Mit Eltern und Kindern unterwegs zu sein, mit ihnen ein Dazugehörigkeitsgefühl zu schaffen, das macht für ihn Kirche aus. Als Synodalbeauftragter „Jugend“ im damaligen Kirchenkreis Düsseldorf-Nord hat Holthaus die Jugendarbeit und sich auch für die Idee einer Jugendkirche eingesetzt.

Neanderkirche, ein besonderer Raum für die Altstadt

Später konzentrierte er sich schwerpunktmäßig auf die Netzwerk-Seniorenarbeit in dem Stadtviertel. „Sensationell war unser Café Sprudel, ein Internet-Café für ältere Menschen. Die Workshops zum Umgang mit dem neuen Medium kamen gut an“, sagt der Technikbegeisterte, für den auch Facebook ein gern genutzter Kanal für die Öffentlichkeitsarbeit der Gemeinde ist.

2015 nach der Gemeindefusion zur Evangelischen Kirchengemeinde Düsseldorf-Mitte begann für Holthaus die Ära als Altstadt-Pfarrer: „Die Neanderkirche ist für die Altstadt ein ganz besonderer Raum mit vielen nachbarschaftlichen Bezügen zu den Menschen, die hier wohnen und arbeiten. Darauf haben wir uns eingestellt, zum Beispiel mit der ‚Abendkirche‘, einem auf Nähe und Dialog ausgerichteten Gottesdienst, der mit einem Bankett endet.“

Jazzkirche in der Altstadt – eine Erfolgsgeschichte

Stolz ist der Gemeindepfarrer auch auf die 2003 ins Leben gerufene Jazzkirche. Sein Pfarrkollege Michael Opitz und er, beide Jazzfans, verwirklichten den Traum, die Musikfarbe des Jazz in einen Gottesdienst zu bringen. „Jazz hat etwas Tiefenentspanntes. Man kann die Bandbreite aller Emotionen aufgreifen und hat die Möglichkeit zu improvisieren“, schwärmt Holthaus. Inspiriert durch eine Jazzvesper in New York und mit musikalischer Unterstützung der Band um den Saxophonisten Johannes Seidemann starteten sie die Gottesdienste mit Jazzklängen sonntagsabends in der Neanderkirche. Eine Erfolgsgeschichte: 19 Jahre lang strömten Menschen zu insgesamt 65 Jazzkirchen-Gottesdiensten in die Düsseldorfer Altstadt. Die letzte Jazzkirche trug den Titel „Dankbarkeit“ im September 2022.

Wie lassen sich Leute erreichen, die eine große Distanz zur Kirche haben? Diese Frage treibt Holthaus immer wieder um. Die Kirche soll einem aktuellen, modernen Lebensgefühl entsprechen, nah bei den Menschen sein und sie „mitnehmen“, so ist seine Vorstellung einer Kirchengemeinde inmitten einer lebendigen, vielgestaltigen Stadt wie Düsseldorf. „Wir haben anderen Akteuren zusammengearbeitet. Toll waren auch die ‚Düsseldorfer Sternstunden‘ in der Weihnachtszeit 2018 mit vielfältigen Aktionen. Leute konnten zum Beispiel an einen Tannenbaum auf dem Nordfriedhof kleine Kärtchen mit ihren Gedanken zu den Verstorbenen und mit ihren Wünschen hängen“, sagt Holthaus.

Gesprächsgruppen mit Alltagsbezug

Die Zukunft der Kirche sieht der Theologe darin, gerade auf Kulturschaffende der verschiedenen Bereiche wie Literatur, Musik, Kunst und Tanz in der jungen Generation zuzugehen und mit ihnen Neuland zu betreten. Am Herzen liegt ihm auch die nachbarschaftsorientierte Bildungsarbeit. Holthaus weiß, dass es manchmal die kleinen Dinge sind, die Kraft geben. Seit vielen Jahren finden sich in der Neanderkirche Interessierte in Gesprächsgruppen mit einem besonderen Bezug zum Alltag zusammen. „Ich selbst habe in den letzten Jahren genossen, im ‚Mittendrin-Kreis‘ unserer Gemeinde auf Menschen zu treffen, die am Ende ihres Berufslebens stehen, deren Kinder aus dem Haus sind und die anfangen, ihre Eltern zu pflegen“, berichtet Holthaus. „Diese Gruppen gehen auf das urchristliche Hauskreismodell zurück, und es erstaunt mich, wie lange sie bestehen bleiben“.

Dankbar ist Dirk Holthaus seiner Kirchengemeinde für die Mglichkeit, über 23 Jahre an zwei Tagen im Monat als Notfallseelsorger in Düsseldorf zu arbeiten. So war er bei dem Anschlag am Wehrhahn, der Love Parade und dem Germanwings-Absturz helfend vor Ort. In seinen Dienstjahren galt es, auch schwere Zeiten im engsten Kreis auszuhalten, wenn etwa Kinder von Freunden in der Gemeinde starben. „Da war ich dann Notfallseelsorger, Chef und Freund zugleich. Ich fühlte mich in solchen Situationen gut aufgefangen von meiner Gemeinde und natürlich von meiner Familie“, sagt Holthaus.

Nach dem Abschied in Düsseldorf kommt der Neuanfang in Neuss-Reuschenberg, wohin Dirk Holthaus gerade mit seiner Frau gezogen ist. Da will er neu Fuß fassen „und dann mal schauen“. Kanu fahren lernen auf der Erft, das ist ein kleines Zukunftsprojekt. Hauptsache in Bewegung bleiben.

Autorin: Ulrike Karpa

2022-11-16T11:20:20+01:0017. Oktober 2022|