„Seelsorge ist die grundlegende Aufgabe der Kirche“

Bilk (evdus). Seit zwölf Jahren ist Pfarrer Martin Iwanow Seelsorger im Team der Evangelischen Klinikseelsorge am Uniklinikum Düsseldorf. Davor war er seit 2004 sechs Jahre als Gemeindepfarrer mit Schwerpunkt Altenheim-Seelsorge gemeinsam mit Pfarrer Rainer Kemberg in der ehemaligen Zions-Kirchengemeinde in Düsseldorf-Derendorf tätig. „Zeit zu verschenken“ hieß ein Besuchsdienst, den er mit Ehrenamtlichen für den Besuch von betagten Senior:innen in zwei Senior:inneneinrichtungen  in Nachbarschaft der Zionskirche ins Leben gerufen hat. Im Kirchenkreis Düsseldorf hat Iwanow an der Zusammenführung der ehemals drei Kirchenkreise Süd, Ost und Nord mitgewirkt und sich für den Arbeitsbereich „Seelsorge“ eingesetzt.

Jetzt geht der 62-Jährige in den Ruhestand. In einem Gottesdienst am Sonntag, 24. April, wurde Martin Iwanow von Superintendent Heinrich Fucks in der Heilig-Geist-Kapelle auf dem Gelände der Uniklinik Düsseldorf, Moorenstraße 5,verabschiedet und entpflichtet.

„Im solidarischen Miteinander eigene Hilflosigkeit aushalten“

Es herrscht Krieg in der Ukraine. Das Thema macht auch vor der Uniklinik Düsseldorf nicht Halt. „Bei Ärzt:innen und der Mitarbeiterschaft ist die Empörung über diesen Krieg groß. Es geht darum, den Widerspruch auszuhalten, dass Ärztinnen und Ärzte um das Leben jedes Einzelnen kämpfen und auf der anderen Seite Krieg zu unzähligen Verletzten und Toten führt“, sagt Martin Iwanow, der in Gesprächen und Gottesdiensten einen Weg aufzeigt, im solidarischen Miteinander die eigene Hilflosigkeit zu tragen. Auch am Patient:innenbett nimmt die Klage oft einen großen Raum ein. „Wo ist Gott? Wie kann mir diese Krankheit jetzt passieren? Die Aufgabe des Seelsorgers ist es dann, keine fertige Antwort zu liefern, sondern mit den Patient:innen und Angehörigen die Frage auszuhalten und ihr nachzuspüren.Das braucht ein bisschen Zeit und kann darin münden, dass Menschen sich auch an gute Momente in ihrem Leben erinnern, in denen sie sich getragen fühlten von Gott. Andere bleiben in der Klage stehen“, sagt Iwanow, der selbst einmal als Patient im Krankenhaus mit unklarer Diagnose erlebt hat, „wie es einem den Boden unter den Füßen wegzieht“. Als er seine Situation damals akzeptieren und der Wirklichkeit ins Auge schauen konnte, wurde es leichter.

Sehnsucht nach Trost und Hoffnung

Die Sehnsucht Vieler nach Trost, Hoffnung und Glaubensstärkung ist groß. Das spürt der Seelsorger in Einzelgesprächen ebenso wie in den Gottesdiensten der Klinikseelsorge, die jeden Sonntag um 10 Uhr in der Heilig-Geist-Kapelle auf dem Gelände der Uniklinik stattfinden. „Aber bei uns geht es sonntags nicht schwerpunktmäßig um Krankheit und Leid. Viele Patient:innen wollen einmal in der Woche einmal nichts von diesen Themen hören, weil sie sich ja in der Woche mit Therapien und Untersuchungsergebnissen beschäftigen müssen, und das kann anstrengend sein“, sagt Iwanow. Auch für ihn ist der Gottesdienst am Sonntag ein Highlight als Zeit des Innehaltens und der Unterbrechung im Klinikalltag.

Iwanow hat sich maßgeblich um die Neugestaltung des Innenraums der Kapelle gekümmert. „Es ist ein schöner Ort mit vielen Fenstern geworden, der täglich zwischen 8 Uhr und 22 Uhr geöffnet ist. Mitarbeitende, Patient:innen und Nachbarn der Uniklinik suchen ihn oft auf“. Jetzt stehen noch die Erneuerung der Akustikanlage und die Außensanierung der Kapelle an.

Voran gebracht hat Iwanow auch die Ökumene am Uniklinikum. „Die Uniklinik ist wie eine kleine Stadt. Da kann man keine getrennten Wege gehen. Gemeinsam mit der katholischen Klinikseelsorge arbeiten wir auf einem Flur. Wir treffen uns zu gemeinsamen Dienstbesprechungen und verständigen uns auf kurzem Weg zu Patient:innenanliegen. Dadurch sind wir stärker zusammengewachsen“, sagt Iwanow, dem es ebenso wichtig ist, dass die evangelische Kirche deutlich ihr Profil zeigt. „Evangelische Klinikseelsorge zeichnet sich nicht nur dadurch aus, dass man etwas tut, sondern dass man da ist vor Ort“, so Iwanow. Beim Sitzen auf der Bank, dem Gang über das Klinikgelände oder im Aufzug oder zwischen Tür und Angel ergeben sich immer wieder gute seelsorgliche Gespräche. „Seelsorge ist die grundlegende Aufgabe der Kirche. Kirchennahe und kirchenferne Menschen können dieses Angebot annehmen. Seelsorge am Uniklinikum bedeutet, auch den Alltag der hier Arbeitenden wahrzunehmen, Ansprechpartner für persönliche und berufliche Herausforderungen zu sein“. Die Zahl der Mitarbeitenden-Gespräche hat sich in den letzten Jahren erhöht. Gründe dafür sind zum Beispiel die Arbeitsbedingungen und die zunehmende Arbeitsbelastung durch Corona und die Personalknappheit im gesamten Gesundheitswesen.

Pläne für den Ruhestand

Nach Plänen für den Ruhestand gefragt, antwortet der 62-Jährige spontan: „Ich möchte ein Jahr auf dem Sofa sitzen und in den Himmel gucken“. Auch Reisen mit seinem Ehemann, Schwimmen im Rheinbad und seiner Leidenschaft, Theaterspielen, wieder nachzugehen, sind geplant. Und dann freut er sich schon auf ein Vorleseprojekt mit einer Freundin zusammen in einer evangelischen Kinder- und Jugendeinrichtung in Düsseldorf. Wann und wo wird noch nicht verraten.

Autorin:    Ulrike Karpa

2022-05-02T13:03:00+02:0012. April 2022|