Hocheffizient und süchtig

Düsseldorf (did). Der Einstieg in die Sucht kam schleichend. Joachim arbeitete als Banker in der Finanzwelt, der Druck war groß. „Ich habe täglich von 7 bis 22 Uhr geschuftet. Am Ende habe ich mich, aus Sorge, den Anruf eines Kunden zu verpassen, kaum noch auf die Toilette getraut“, erinnert er sich. Schon früh in seiner Karriere griff er zum Alkohol. Der ließ ihn vergessen und schlafen – und die Angst vor dem nächsten Arbeitstag aushalten.

Hinzu kamen alkoholgetränkte Geschäftsessen und Dienstreisen. Verschiedene Jobwechsel brachten nicht den erhofften Ausstieg aus dem Hamsterrad. 2011 brach er dann mit blutender Nase bei einem Kundentermin zusammen: Joachim verlor seine Arbeit, seine Frau ließ sich scheiden, seine Kinder gingen auf Distanz. Der Alkohol blieb. Erst Jahre später, mit einer neuen Partnerin an seiner Seite, hat er nach einem weiteren Rückfall und mit Hilfe in die Alkoholabstinenz gefunden. Sein Fazit heute: „Mit dem Alkohol meinte ich, mein Leben im Griff zu haben. Selbst, als ich bereits alles verloren hatte.“

Schwer abhängig – und dabei trotzdem noch lange Zeit im Job hocheffizient und im Privaten aufmerksam gegenüber der Familie und dem Freundeskreis – so wie Joachim ergeht es auch anderen. „Viele Menschen, die eine Sucht entwickelt haben, egal ob es sich um eine Medikamentensucht, eine Alkoholsucht oder eine Sucht nach leistungssteigernden Mitteln handelt, fallen im Alltag kaum auf, weil sie immer noch gut funktionieren“, erklärt Denise Schalow, Leiterin des Suchtberatungs- und Therapiezentrums der Diakonie Düsseldorf. „Hilfe suchen sich die meisten erst, wenn ihr Leben zusammengebrochen ist und gar nichts mehr geht. Dabei muss es erst gar nicht so weit kommen“, ist sich die Expertin sicher.

Am bundesweiten Aktionstag Suchtberatung am Donnerstag, den 10. November, nehmen die Düsseldorfer Suchtberatungsstellen deshalb unter dem Motto „Noch im Griff?“ speziell die Menschen in den Fokus, die im Alltag weiter gut funktionieren, deren Konsumverhalten – ob nun von Medikamenten, Alkohol, Drogen oder allgemein Mitteln zur Leistungssteigerung – aber bedenklich ist.  Dazu bieten alle Beratungsstellen im Stadtgebiet eine Offene Sprechstunde von 11 bis 18 Uhr an.

Die Düsseldorfer Suchtberatungsstellen haben zudem eine Website mit einem kurzen Test online gestellt: Wer für sich oder Angehörige Konsum oder Verhalten auf Anzeichen für eine Sucht überprüfen will, kann das ab sofort online unter www.noch-im-griff.de tun. Und weil für Betroffene frühe Hilfe entscheidend ist, finden sich auf der Website auch die Kontakte aller beteiligten Beratungsstellen. „Denn je eher man sich Hilfe sucht, desto leichter lässt sich auch eine Lösung finden“, ruft Schalow dazu auf, sich frühzeitig Unterstützung zu suchen.

2022-11-16T11:18:37+01:008. November 2022|